Fürbass Erstaunliches hat sich einst zugetragen ...

Arbeitsproben - Verse aus meiner Feder


Die folgenden Werke aus meiner Feder veröffentliche ich unter der CC-by-nc-nd-Lizenz.



Limerick in eigener Sache


Es wollte ein Kunde aus Hessen
Gedichte nach Zeilen bemessen,
doch ein Sonett
wie er es gern hätt’
ist mehr als die Quersumme dessen.
Bert Habets, 2009


Sonett an postmoderne Ritter


Sag’ an mir mit Bedacht, wo wir vereint,
Wes Grundes du die eine jene welche
Allein erwählst zum Gral dir und zum Kelche,
Was, uns verborgen, dir lobpreisenswert erscheint.

Die holden Frauen alle liebt der Dichter
Und kann mit fremdem Auge, so er will,
Sehen, tasten, spüren, fühlen – ohn’ Kalkül,
Mit Geist und Seele, nicht als Richter.

Poesie birgt Zauberkraft,
Wenn es nur der Versschmied schafft
Und das Wesentliche sieht.

So werde mir zu Aug’ und Mund,
Auf das der Dichter tue kund,
Was tief empfindet dein Gemüt.
Bert Habets, 2009


Ein Haiku


Zwölf schweben dreizehn
Hochüberzug talgeschwind
Sein Leben
Zeit Fluss
Bert Habets, 2010


Anmut


Es ist doch nur Gestammel,
die Rede von der Schönheit
- Augen, Lippen, Nacken, Gang -
gemeint ist durchaus Wesentliches:
Anmut.

Tag für Tag aufs Neu’
erlieg’ ich Deiner Anmut.
Und dies ist Wesenhaft,
meint mehr als nur Fassade.
Bert Habets, 2008


Zwei Tüten mit Brot



Nicht weit von unsrer Siedlung
Liegt im Wald ein stiller Teich,
Oft steh an dessen Ufern ich,
Dem Baumbestand ganz gleich.
Zwei Tüten mit Brot habe ich bei mir
Und füttere die schwarzen Schwäne.

Die beiden schwarzen Schwäne
ziehen ihre Bahn,
Dieses schwarze Schwanenpaar
zieht mich in seinen Bann,
Kein Ort -
Nirgends sonst - weit und breit
Lässt Gegenwart erscheinen
Als Hauch von Ewigkeit.
Zwei Tüten mit Brot habe ich bei mir
Und füttere die schwarzen Schwäne.

Stunden ohne Anspruch,
Glückseligkeit am See,
Hoffnungsvolle Traumgebärde
Im Vorüberstehn.
Zwei Tüten mit Brot habe ich bei mir
Und füttere die schwarzen Schwäne.
Bert Habets, 1977/2009



Die gar wundersame Geschichte des Junkers Reinhold von Herzschmerz
welch selbiger Genesung erfuhr im Tale der Wupper durch

Nichts als schöne Worte


Es war zweimal ein Mann …
So beginnen nicht viele Geschichten. Und fürbass Erstaunliches hat sich einst zugetragen, was solchen Anfang rechtfertigt. Aber urteilt selbst. Getreulich will ich die dazugehörige Geschichte erzählen. Es ist dies die wundersame Geschichte des Junkers namens Reinhold von Herzschmerz.

 

Junker Reinhold von Herzschmerz stammte, wie man so schön sagt, aus gutem Hause: meine Stallungen, meine Kutsche, mein Säbel – man kennt das ja. Allein die Frau fürs Leben ward noch nicht gefunden, vielmehr: ausgemacht ward sie seit längerem, nur wusste nichts von Ihrem Glück. Ja, was nützen aller Wohlstand und alle Wohlanständigkeit, wenn man wie Junker Reinhold unsterblich verliebt ist, dabei jedoch versäumt, die Angebetete dies wissen zu lassen.

So verging Woche um Woche, Monat um Monat. Nur halbherzig kam der Junker Reinhold seinen standesgemäßen Pflichten und Obliegenheiten nach, immer in Gedanken bei der Liebsten und immer auf der Suche nach den güldenen Worten, jenen Worten, mit denen er der überaus edelen Elisabeth zu Elfenbein und Kumstnitrein könnte unter die Augen treten.

Weitere Wochen und Monate ungeäußerten Verlangens und besorgniserregenden Verzehrens vergingen. Junker Reinhold von Herzschmerz war der schieren Verzweiflung nahe. Kein Trost, kein Zuspruch wollte ihm Linderung verschaffen. Derart war sein Gemütszustand, dass des Junkers treusorgende Mutter samt und sonders jeglichen habbaren Einband des WERTHER beseitigen ließ. Weitere Monate vergingen, ohne dass der Junker Reinhold einen einzigen fröhlichen Tag verbrachte. So ging ein Jahr ins Land, und zwei weitere folgten. Mittlerweile zählte Junker Reinhold einunddreißig Lenze. - Und es war Sommer. Sommer war es, als es sich begab, dass der berühmte Deus Exmachina und Universalgelehrte Alwin Alwiss in die Heimatstadt des Junkers Reinhold kam, um dortselbst auf dem Marktplatz Kostproben seiner hochmögenden Gelahrtheit zu offerieren. Gegen Ende seiner Vorführungen und Darbietungen verblüffte Alwin Alwiss die versammelte Gemeinde des Marktfleckens mit der Aufforderung, ihm den verzweifeltsten Bewohner der Stadt mit Namen zu nennen. Kurz nur mussten die Leute auf dem Marktplatz sich beraten. Allgemein war man der Ansicht, es sei zweifelsohne Junker Reinhold von Herzschmerz der allerverzweifeltste Sohn der Stadt. Denn dessen Angebetete, Elisabeth zu Elfenbein und Kumstnitrein, sei gefangen gehalten in einem einsamen hohen Turme im unwegsamsten Gebirge des ganzen Fürstentums. Nur wer Tod und Teufel nicht fürchte, könne überhaupt zum Turme gelangen. Und nur wer jene magischen Worte zu finden wisse, die die Pforte des Turmes öffneten, wohlgemerkt eine mit sieben Vorhängeschlössern verriegelte Pforte, nur der könne Herz und Hand der schönen Elisabeth erobern.

Alwin Alwiss erkannte das Problem: „Ihm fehlen also die Worte, dem Junker!“
„In der Tat, großer Gelehrter, ganz genau so verhält es sich.“ erwiderten die versammelten Bewohner der Stadt. “Reinhold von Herzschmerz fehlen die Worte.“
„Dem Manne kann geholfen werden!“ verkündete Alwin Alwiss zur Überraschung der Versammelten. „Ist das so?“ entfuhr es ihrer Münder Chor. „Dem ist so!“ bestätigte der weitgereiste Weltenkenner mit Nachdruck und fuhr fort: „Folgendes muss der Junker tun. Er muss sich aufmachen gen Nordwesten bis er das Tal der Wupper erreicht und dortselbst die alte Bandwirkerstadt Barmen. Wo eine schmale Insel, Korzert genannt, den Fluss teilt, thront am Ufer des Nordhangs ein auffälliger schwarzer Fels, Hohenstein genannt oder auch des Teufels Schreibpult. - Doch lasst euch davon nicht schrecken! Und auch der Junker Reinhold soll sich davon nicht schrecken lassen. Wer reinen Herzens ist, hat außer Wegezoll nichts zu befürchten. - Unterhalb dieses Felsens nun steht die unscheinbare Werkhalle eines alten Drechslers, Meister Versbert mit Namen. Diesen alten Drechsler muss der Junker aufsuchen, will er seiner Verzweiflung entkommen und die Jungfrau vom Turme für sich gewinnen.“

Wenn auch viele Stadtbewohner Ihre Zweifel hatten, so stand doch der Exmachina in gutem Rufe und Leumund, hierzuland und über die Grenzen hinaus. So hatten die Angelsachsen ihm den Ehrentitel Webmaster verliehen. Je nun, eine Abordnung der Marktplatzschar suchte unseren verzweifelten Junker auf, um ihm die frohe Botschaft zu verkünden. Nach einigem Zureden willigte Reinhold von Herzschmerz schließlich ein, die vorgeschlagenen Maßnahmen zu befolgen und also die Reise zur fernen Wupper anzutreten.

Gesagt, getan! Was hatte er schon zu verlieren? Ein paar Monate anhaltender Trübsal? Junker Reinhold übergab die Geschäfte für unbestimmte Zeit an seinen treuen Verwalter Dankwart Horsemann und brach auf zu neuen Ufern. Etliche Abenteuer gab es unterwegs für ihn zu bestehen - Stoff für andere Geschichten, die einmal andere erzählen mögen wollen.

Wie es weiterging willst du wissen, lieber User? Ob der wackere Junker Reinhold von Herzschmerz sein Ziel erreichte? Ja, das tat er. Durch dichte Wälder mit Köhlerhütten und vorbei an Schleifkotten, neben Bächen errichtet und angetrieben von Wasserrädern, erreichte Junker Reinhold am neunten Tage seiner Reise von der Ronsdorfer Höhe hinab ins Tal reitend die Wupper bei der Gerichtsinsel. Dort bei der Furt zwischen den Städten Elberfeld und Barmen setzte er über zum Nordufer und erreichte zwei Meilen weiter östlich entlang der Garnbleichwiesen und Häusern mit hohen Dachstuben, aus denen das Geklapper der Webstühle hervorquoll, bergwärts auf einer kleinen Anhöhe unterhalb des Hohensteins liegend die von Alwin Alwiss beschriebene Drechslerwerkstatt.

Wer hätte an diesem Ort sich Hilfe versprochen in Herzensangelegenheiten? Recht unscheinbar wirkte die Drechslerstätte, wenn auch in gutem Zustande. Einen vorbeikommenden Landmann hieß Junker Reinhold seinen Rappen versorgen. Dann nahm er sich ein Herz und betrat die Halle. Es roch nach Holz und nach Leim. Durch die mehreren schräg angeordneten Glasdächer fiel Helligkeit herein und ließ die Späne im Gegenlicht tanzen.

„Tretet näher, Junker Reinhold!“ rief eine feste helle Stimme. An einer von mehreren Werkbänken stand ein groß gewachsener Mann von schwerlich beschreibbarem Alter. Rauschebart und schütteres Haar ließen ihn älter erscheinen als seine wachen und klaren Augen und seine Stimme es vermuten ließen.
„Ihr kennt meinen Namen? Ihr müsst Meister Versbert sein!“ begrüßte Junker Reinhold den Drechsler und reichte ihm die Hand.
„Eben der. Ihr habt es erfasst, Junker Reinhold.“ entgegnete der Meister und musterte beim Handschlag den Ankömmling mit freundlicher Miene. „Ich ahne es wohl, doch sagt es frei heraus: Was kann ich für Euch tun?“
„Meister Versbert, mir fehlen die Worte!“
„Dachte ich mir’s! - Nehmt Platz auf jenem großen Lehnstuhl dort neben der Hobelbank, einstweilen ich mein Handwerkszeug ordnen will. Seid unbesorgt, dies wird nur wenige Zeit in Anspruch nehmen. Und hernach werde ich Euch ein Stündlein Theater machen.“
„Theater?!“ entfuhr es dem Junker wenig erbaut.
„So geht’s den allermeisten, die Rat suchen hier.“ bemerkte ungerührt der Meister Versbert. Doch wer genauer hinsah, mochte wohl ein leichtes spöttisches Lächeln um dessen Mundwinkel erkennen.

Alldieweil Meister Versbert sein Werkzeug ordnete, rutschte unschlüssig auf dem ihm zugewiesenen Lehnstuhl der Junker Reinhold hin und her. „Lasst Euch überraschen! Ich bitte Euch.“ nahm der alte Drechsler das Gespräch wieder auf. „Nun gut.“ erwiderte der liebeskranke Junker, denn guten Rat erhoffte er sich nach wie vor - und staunte nicht schlecht über das ihm daraufhin dargebotene Spectaculum. In Windeseile und behände erschuf der alte Drechsler eine andere, eine zweite Welt. Aus einer Nebenkammer zog er mit geübter Kraft ein Podest hervor, befestigte daran ein Gestell und an diesem Gestell rechts und links je einen Vorhang, bevor er zuletzt die Kammer betrat und mit dem Kostüm eines Spielmanns in Händen sowie einer Felljacke und einer Laute zurückkam. Vor den Augen des Junkers streifte er die Kleidungsstücke über und legte das Tragband der Laute um seinen Hals. Der alte Drechsler, nunmehr zum Troubadour geworden, betrat das Podest und zog die Vorhänge zu, so dass er dorthinter verschwand, um just hernach mit dem Kopf zwischen selbigen hervorzulugen. „Und nun“ verkündete er alsdann, „und nun, verehrter Junker Reinhold, lasst euch wahrhaft fesseln und entführen - mit nichts als schönen Worten.“

Was dann geschah, muss man wohl selbst miterlebt haben. Der alte Drechsler machte Theater, das dem braven Junker Hören und Sehen verging. Mal sanft säuselnd, mal mit Donnerstimme ließ er wohlfeile Worte einprasseln auf den weither angereisten Gast, der sehr bald berauscht war wie seit Jugendtagen nicht oder sonst nur bei gelegentlich durchzechter Nacht. Und doch ganz anders, denn alle Sinne waren aufmerksam und hellwach. Meister Versbert ließ Welten entstehen und ließ Welten vergehen, sieben an der Zahl. Oder auch neune. Junker Reinhold von Herzschmerz war derart entzückt, dass er mittun wollte im aufgeführten Reigen. Doch wie sehr er sich auch bemühte, er konnte sich nicht rühren. Er war wie gefesselt. Er war gefesselt. Als Meister Versbert dies bemerkte, da kam er mit seinem Theaterspiel zum Ende. „Nun kann der Zauber wirken“ verkündete er. „Wer Vorhänge sieht, wo keine sind, wer Musik hört, wo keine ist, wer sich im Palaste eines Schlosses wähnt, wo nur eine gewöhnliche Drechslerwerkstatt ist, der möchte auch in der Lage sein, die sieben Vorhängeschlösser eines verhexten Turmes zu entzaubern. – Nun also, edler Junker Reinhold, nun also vernehmet die güldenen Worte.“

Als der Meister Versbert zu Ende gesprochen hatte, gewahrte Junker Reinhold von Herzschmerz, wo er sich in Wahrheit befand. Kein Podest war mehr da, keine Vorhänge zu sehen und schon gar kein Troubadour. Er musste ein wenig lächeln über die Phantasmagorien, die sich seiner Sinne bemächtigt hatten. Oder war es gar umgekehrt? Wer will das mit Sicherheit wissen?

Bald darauf nahm Junker Reinhold Abschied. Angemessen entlohnte er den alten Drechsler, sattelte seinen Rappen und trat rundum verwandelt die Heimreise an. Vielleicht auch führte sein Weg ihn direkt zum einsamen Turme, das edele Fräulein zu Elfenbein und Kumstnitrein zu befreien und hernach unter triumphalem Jubelschall mitsamt Braut in seine Heimatstadt einzuziehen. Wohl denkbar, nunmehr ausgestattet mit einem Schatz an Worten, dies kühne Unterfangen siegesgewiss angehen zu können. Nicht irgendeinem Schatz an Worten – dem Schatz an Worten, seinem Schatz an Worten. Indes, der Wortschatz des Junkers Reinhold von Herzschmerz ist nicht bekannt. Mir nicht und niemandem. Niemandem kann der Schatz dieser Worte bekannt sein, denn für jeden einen sind es ganz andere und völlig verschiedene.
Bert Habets, 2009